Das ist doch wie Urlaub. Morgens eine Bewerbung schreiben und dann Freizeit! Kannst du da nicht ein bisschen mehr im Haushalt machen? Kannst du heute kurz auf unsere Kinder aufpassen? Fährst du mich zur Uni? Da kannst du doch jetzt endlich die Renovierungen zu Hause machen, die schon so lange vor dir herschiebst!
Solche und ähnliche Sätze hören Arbeitsuchende oft. Kurz nachdem zum Jobverlust Mitgefühl geäußert wurde, kommen neben Durchhalteparolen auch solche Sätze.
Wer solche Dinge von sich gibt, zeigt, dass er wenig davon versteht, was 𝘼𝙧𝙗𝙚𝙞𝙩𝙨𝙪𝙘𝙝𝙞𝙜𝙠𝙚𝙞𝙩 ist noch wie sie sich anfühlt. Wer sowas sagt, hat ein ähnliches Verständnis für die Nöte von arbeitsuchenden Menschen wie ein Kanzler, der früher bei Blackrock gearbeitet hat.
Wer Arbeit sucht, muss in die Suche mindestens so viel Zeit investieren wie in den Umfang der Tätigkeit, die er*sie aufnehmen möchte. Das ist die Faustformel, die ich in den Jahren, in denen ich bei der Suche unterstützt oder gar mit vermittelt habe, entwickelt habe. Es reicht nicht mehr, samstags die Zeitung aufzuschlagen, denn die Stellenangebote finden sich in Portalen mit und ohne Anmeldung, bei der Arbeitsagentur, über Suchmaschinensuche, auf Firmenwebsites. Und natürlich dort, wo sie immer auch waren: im Freundes- und Bekanntenkreis.
Und alles andere hört ja nicht auf: Alltag, Familie, Behördenalltag will organisiert sein. Stellenanzeigen zeigen oft die Lücken in der eigenen Weiterbildung auf, sodass man sich selbst bilden oder zumindest informieren muss.
Dazu kommen Selbstwertverluste, Ängste, Sorgen, Ärger, Selbstvorwürfe, 60% vom letzten Netto, wenn man keine Kinder hat, 67% (immerhin) mit solchen, die Beziehung leidet. Also Ärger mit der Bank oder Einschränkungen im Leben. Wer einen Firmenwagen hatte, steht auf einmal ohne Auto da. Und will man, dass die halbe oder ganze Nachbarschaft und im Verein alle wissen, wo man steht? Die ganze Hütte ist am umfallen und man hält sie oft genug nur noch mit Ach und Krach zusammen.
Ich kenne all das aus eigener Erfahrung. Auch deshalb kann ich mich gut in die Lage von Menschen, die arbeitsuchend sind, hinein versetzen.
Warst Du schon einmal arbeitslos? Wie erging es Dir? Mehr Freizeit? Oder mehr Anstrengung?
