Es gibt Situationen im Leben, da muss man sich einen Ruck geben. Da kann man nicht wegschauen, weil Leid oder Hilfsbedürftigkeit manchmal so deutlich wird, dass man nicht mehr mit "das geht mich nichts an", "ich kann nicht allen helfen" oder sich mit professioneller Distanz wegdrehen und sein Gewissen beruhigen.
Viele kennen solche Situationen, wenn man bei Gewalt gegen andere eingreift, Erste Hilfe leistet, jemanden aus einer lebensgefährlichen Situation rettet oder auch nur einem Kind, dem an der Kasse beim Einkaufen 1 €+ fehlt, das Geld in die Hand drücken. Vor ungefähr 10 Jahren habe ich für eine Nacht eine siebenköpfige syrische Familie am Bahnhof aufgegriffen, die dort gestrandet war, weil sie falsch ausgestiegen war - ohne Geld, ohne was zu Essen, das Handy leer telefoniert, verzweifelt, am Ende. Ich habe sie für eine Nacht mit zu mir nach Hause genommen, ihnen Abenedessen gemacht, sie duschen lassen, das Handy für ein paar Euro aufgeladen und sie eine Nacht in Betten schlafen lassen - nach Wochen auf der Flucht. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, habe ich sie zurück zum Bahnhof gebracht und sie konnten ihren Weg weitergehen. Wie auch immer der war - ich habe nie mehr was von ihnen gehört.
Ich arbeite mit Menschen, die oft in großer Not oder Nöten sind. Aus selbst verursachten oder von außen verursachten Situationen, aus denen sie nur schwer wieder herausfinden. Oder gar nicht. Aktuell habe ich bei all meinen Klient*innen eine Frau, deren Maßnahme bald zu Ende geht. Die Stunden reichen vorne und hinten nicht, die Herausforderungen sind allumfassend. Sie hat nach vielen schlechten Erfahrungen mit Behörden und Menschen, die ihr eigentlich Unterstützung angedeihen lassen sollten und stattdessen ihre Probleme vergrößert haben, Vertrauen gefasst. Wir konnten erste Schritte auf einem Weg gehen, der neben der Alphabetisierung auch noch andere Dinge notwendig macht.
Aus Gründen der vielen Standbeine, die man in meiner beruflichen Situation manchmal besser hat, habe ich Anfang des Jahres die Schulung zum ehrenamtlichen Betreuer gemacht und mich an einen Betreuungsverein angedockt. Und so werde ich nach Ende der Maßnahme meinen Hut wechseln und sie nicht mehr coachen - sondern sie als ehrenamtlicher Betreuer begleiten. Bis sie allein weitergehen kann. Weil ich einfach nicht wegschauen kann, weil ich trotz professioneller Distanz die Not sehe und die Notwendigkeit einer umfassenden Unterstützung. Das wird ein großes Abenteuer und ich freue mich darauf - bin aber auch vorsichtig und unsicher, ob ich genug tun werde können.
Ein neuer Weg tut sich auf.
Manchmal ist es besser, man schaut genau hin.
(Bild von Gisela Merkuur auf Pixabay)
